Die Chinesen haben in ihrer
Schrift
für die Begriffe Krise und Chance
ein und dasselbe Zeichen.
Das heißt:
Wo eine Krise ist, ist auch immer eine Chance.
Regine Schneider 51
Da die Erfahrung zeigt, das weniger Männer aus sich selbst heraus um Beratung nachfragen, kommt eine zweite Gruppe von Männern erst mit massiven Krisenerfahrungen: Die Partnerin hat sich getrennt, die Arbeit ist verloren u.a. Die Erwartungshaltung, mit der der Berater dabei konfrontiert ist, ist oft die Wiederherstellung der Funktionsfähigkeit im Alltag. "Machen sie mich wieder richtig.", so ein Klient in dem erstem Beratungsgespräch.
Im Blick auf den ´Kreislauf des Erlebens´ ist bei dieser Gruppe von Männern die Desensibilisierung zusammengebrochen, so dass die Empfindung der Krise mit Macht in die Wahrnehmung tritt. Die Wahrnehmung wird derart dominiert (Figur), dass hinter ihr alles Andere zurücktritt (Grund). In solch einer Situation ist es meist schwierig, Kontakt zum Klienten aufzubauen, insbesondere kognitiv ist dies nur schwer möglich. "Wer in einer Krise ist, schont sich nicht. Ich bin für ihn nur glaubwürdig, wenn ich mich ebenso wenig schone. Einen ausweglosen Menschen kann man nur und ausschließlich bei seiner Ausweglosigkeit erreichen, sonst nirgens. Das ist ein hartes, brutales Geschäft."52
Die Interventionen des Beraters müssen im Fall einer Krise zunächst stabilisieren- der Natur sein.53 Dadurch ergibt sich eine Gradwanderung zwischen dem ´sich auf die Ausweglosigkeit einlassen´ und dem stabilisierenden Element in der Beratung, das eine gewisse Distanz des Beraters voraussetzt. Krisenberatung muss diese Ambivalenz, zwischen sich einlassen und stabilisieren, aushalten.
In einer Krise sind Menschen sehr sensibel für falsche, oberflächliche und die Situation letzlich ignorierende ´Rat-Schläge´. Jeder ´Rat´ wird in einer Krise immer auch als ´Schlag´ wahrgenommen, d.h. als Angriff auf den Organismus, der in einer hilflosen Situation nicht mehr abwehrbereit ist. Damit ist ein solcher ´Rat-Schlag´ gefährlich und provoziert nur die Abwehr und den Widerstand. Der Klient lässt den Inhalt erst gar nicht an sich herankommen. Der Versuch, die KRise im Sinne eines Wegabschnittes positiv zu deuten, wird vom Klienten oftmals sogar als zynisch erlebt.
Erst nach durchlebter akuter Krise kann die Chance in den Blick kommen, die jeder Krise immanent ist. Olaf-Axel Burow hat hier ein Konzept vorgelegt, das hilft die innere Logik einer Krise zu verstehen und ihre Energie für Veränderungsprozesse fruchtbar zu machen.54
Beide Motivationskonzepte, ´... der Frau zuliebe´ und ´Ich bin am Ende´, sind unterschiedliche Ausdrucksformen des Widerstandes. Wie wird gestalt-psychologisch der Widerstand gesehen? Und wie kann ich in der Beratungsarbeit mit Männern damit umgehen?
51 Regine Schneider, Krisen 152.
52
Klaus Dörner /Ursula Plog, Irren 333. Hier wir auch ihre konstruktive
Grundhaltung deutlich, die bei jedem Problem, bei jeder psychiatrischen
Erkrankung immer mit im Blick hat, was im Therapeuten damit ausgelöst wird.
Beispiel: Sie reden nicht vom depressiven Menschen. Es heißt dort: 'der sich und
andere niederschlagende Mensche'.
53
Siehe dazu Renate
Hutter-Krisch, Krisenintervention 842: "Stabilisierende Interventionen:
Wesentlicher Charakterzug in der Krise ist Labilität." (Hervorhebung
dort)
54 Olaf-Axel Burow, Gestaltpädagogik
235-359. Er greift dazu auf Kellys Theorie persönlicher Konstrukte zurück.. In
Verbindung mit dem klassischen Aufsatz von Thomas Kuhn: "Die Struktur
wissenschaftlicher Revolutionen" entwickelt er hieraus eine Krisentheorie, die
in der Lage ist, die individuellen Konstrukte eines Menschen in ihren
dynamischen Veränderungen zu beschreiben.