6.e)      Deflektion

 

 

Deflektion ist allgemein als Vermeidung von gutem Kontakt zu verstehen. Die Energie des Kontakts verpufft im Nichts. Solche Menschen pflegen oft viele Kontakte, die aber merkwürdig leer bleiben. Sie reden auch viel, aber in übertriebener Ausdrucksweise, weitschweifig, in scherzhaftem Ton oder höflich, statt direkt. Sie kommen jedenfalls nie wirklich zur Sache. „Alle diese Deflektionen führen dazu, das Leben zu verwässern.“79 Der Volksmund sagt dazu: Wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht nass! Wenn wir das Gefühl haben, ins Leere zu reden, dann sind im Gespräch deflektorische Tendenzen vorhanden.

Deflektion begrenzt den Kontakt. Es gibt aber Situationen, die so explosiv sind, dass wir sie ohne Deflektion nicht aushalten können. Kreative Deflektion kann also einen Reiz auf ein erträgliches Maß reduzieren. Dies ist z.B. in Krisen der Fall: Wenn einem Vater die Todesnachricht seines Kindes überbracht wird, und dieser wie ins Leere starrt und kaum ansprechbar ist. Hier ermöglicht die Deflektion ein Aufrechterhalten der Funktionen des Ich.
 
Zum Abschluss dieses Kapitels über die Kontaktstörungen möchte ich noch einmal auf den oben zitierten Vers von Erich Fried zurückkommen. Denn nun wird deutlich, warum wir uns vom „schlechten Wirklichen“ nicht  entmutigen lassen sollen: Unsere Wahrnehmung der Wirklichkeit ist immer verstellt und gefiltert durch die Verzerrungen, die die Kontaktstörungen mit sich bringen. Wenn wir uns fragen, ob wir wirklich dabei waren, wenn jemand aus der gemeinsam erlebten Vergangenheit ein Erlebnis berichtet, dann liegt dies an der unterschiedlichen Wahrnehmung. Jeder schaut durch seine Brille, und manche Brillen sind nicht miteinander kompatibel. So entsteht der subjektive Eindruck unterschiedlicher Situationen. Hier lohnt noch einmal ein Blick auf den ersten Vers des Gedichts:


Die Engel der Geschichte

Es ist nicht wahr
daß Geschichte
gefälscht wird.
Sie hat sich großenteils
wirklich
falsch
zugetragen.
Ich kann das selbst bezeugen:
ich war dabei.
80

 

79  Erving und Miriam Polster, Gestalttherapie 94. Es war das Ehepaar Polster, dass die Kontaktstörung der Deflektion in die Diskussion brachte.
80  Erich Fried hat dieses Gedicht angeregt durch die Geschichtsphilosophie von Walter Benjamin geschrieben. Siehe dazu die Sammlung von Materialien bei Erdmut Wizisla und Michael Opitz: Glückloser Engel. Dichtungen zu Walter Benjamin, Franfurt am Main 1992.

 

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