Deflektion ist allgemein als Vermeidung von gutem Kontakt zu verstehen. Die Energie des Kontakts verpufft im Nichts. Solche Menschen pflegen oft viele Kontakte, die aber merkwürdig leer bleiben. Sie reden auch viel, aber in übertriebener Ausdrucksweise, weitschweifig, in scherzhaftem Ton oder höflich, statt direkt. Sie kommen jedenfalls nie wirklich zur Sache. „Alle diese Deflektionen führen dazu, das Leben zu verwässern.“79 Der Volksmund sagt dazu: Wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht nass! Wenn wir das Gefühl haben, ins Leere zu reden, dann sind im Gespräch deflektorische Tendenzen vorhanden.
Deflektion begrenzt den Kontakt. Es gibt aber Situationen, die so
explosiv sind, dass wir sie ohne Deflektion nicht aushalten können. Kreative
Deflektion kann also einen Reiz auf ein erträgliches Maß reduzieren. Dies ist
z.B. in Krisen der Fall: Wenn einem Vater die Todesnachricht seines Kindes
überbracht wird, und dieser wie ins Leere starrt und kaum ansprechbar ist. Hier
ermöglicht die Deflektion ein Aufrechterhalten der Funktionen des
Ich.
Zum Abschluss dieses Kapitels über die Kontaktstörungen
möchte ich noch einmal auf den oben zitierten Vers von Erich Fried zurückkommen.
Denn nun wird deutlich, warum wir uns vom „schlechten Wirklichen“ nicht
entmutigen lassen sollen: Unsere Wahrnehmung der Wirklichkeit ist immer
verstellt und gefiltert durch die Verzerrungen, die die Kontaktstörungen mit
sich bringen. Wenn wir uns fragen, ob wir wirklich dabei waren, wenn jemand aus
der gemeinsam erlebten Vergangenheit ein Erlebnis berichtet, dann liegt dies an
der unterschiedlichen Wahrnehmung. Jeder schaut durch seine Brille, und manche
Brillen sind nicht miteinander kompatibel. So entsteht der subjektive Eindruck
unterschiedlicher Situationen. Hier lohnt noch einmal ein Blick auf den ersten
Vers des Gedichts:
Die Engel der
Geschichte
Es ist nicht wahr
daß
Geschichte
gefälscht wird.
Sie hat sich
großenteils
wirklich
falsch
zugetragen.
Ich kann das selbst
bezeugen:
ich war dabei. 80
79 Erving und Miriam Polster, Gestalttherapie 94. Es war das
Ehepaar Polster, dass die Kontaktstörung der Deflektion in die Diskussion
brachte.
80 Erich Fried hat dieses Gedicht
angeregt durch die Geschichtsphilosophie von Walter Benjamin geschrieben. Siehe
dazu die Sammlung von Materialien bei Erdmut Wizisla und Michael Opitz:
Glückloser Engel. Dichtungen zu Walter Benjamin, Franfurt am Main
1992.